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Am Weine hängt, zum Weine drängt doch alles
Wir waren Gastredakteure bei der Bauwelt und haben ...

 

... dem "Architekturwunder von Kaltern (Südtirol)" ein Themenheft gewidmet. Editorial siehe unten.



Die Bauwelt Nr. 35-2006 ist am 8. September erschienen.

Mit Projekten (alle in Kaltern, klar) von:

Walter Angonese [ LINK ]

Walter Angonese, Rainer Köberl, Silvia Boday

the next ENTERprise [ LINK ]

feld72 [ LINK ]

Hermann Czech

und einem Interview mit Othmar Barth, Walter Angonese und Michael Obrist (feld72) auf der Terrasse des Seehotels Ambach (Othmar Barth, 1973) [ LINK Seehotel Ambach ]


Worum es geht (Editorial):


Kaltern, Südtirol/Italien. 7000 Einwohner, 4000 Fremdenbetten, Weinbau, Apfelplantagen und der wärmste See der Alpen. Liebhaber der Architektur fanden bis vor einigen Jahren neben einer Reihe von historischen Altstadthäusern und den beiden 1970er-Jahre-Perlen des Architekten Othmar Barth (dem Seehotel Ambach und dem Restaurant Gretl am See) keine sich von den üblichen Banalitäten abhebenden Werke vor. Mittlerweile braucht man zwei Hände, um die neuen Häuser mit Anspruch in Kaltern zu zählen. Fünf von ihnen versammelt dieses Heft, allein vier davon wurden im Jahr 2006 fertig gestellt.

Wie lässt sich dieses kleine „Architekturwunder" erklären? Zunächst mit einer Qualitäts- und Marketingoffensive der Gemeinde. Bereits Mitte der 1990er Jahre begannen die meisten Weinbauern der Region den Irrweg der industriellen Massenweine zu verlassen, manche kelterten sogar international anerkannte Tropfen. Da aber dem heutigen Weinkonsumenten Herkunft und Authentizität wichtig sind wie nie, setzten sich in Jahr 1999 einige Winzer, Tourismusexperten und Gemeindevertreter an einen Tisch um das Image ihres Dorfes neu zu definieren. „Wer sich unterscheidet, behauptet sich.“ So steht es auf dem Umschlag eines kleinen roten Büchleins, das die Zielsetzungen und Maßnahmen der Initiative zusammenfasst. Sie zielt in zwei Richtungen: Die Kalterer sollen, sofern noch nötig, zur Weinqualität erzogen werden und die übrige Welt soll davon erfahren. Und welche Rolle spielt dabei die Architektur?

Einer am Tisch der Initiative, die sich später „wein.kaltern“ nannte, war der Kalterer Architekt Walter Angonese. Kurz darauf wurden er, Rainer Köberl und Silvia Boday vom Besitzer des Weingutes Manincor mit der Erweiterung der alten Hofanlage beauftragt. Auf halber Strecke zwischen Dorf und See gelegen, erregte das Projekt selbst im internationalen Vergleich der boomenden Weinarchitektur Aufsehen. Angonese leistete über mehrere Jahre hinweg in der Gemeinde Basisarbeit in Sachen zeitgenössischer Architektur. Er brachte den Bürgermeister auf die Architekturbiennale in Venedig und schaffte es schließlich, in dem bereits über 20 Jahre amtierenden Beamten „ein Feuer zu entfachen“, so der Architekt. Es wurden kleine räumlichen Markierungen angebracht, die die Gäste für Landschaft, Ort und Weinbau sensibilisieren sollen, entlang von Weinwanderwegen, die in großen Schlaufen durchs Tal führen. Messingtafeln informieren an auffälligen Steinbänken und -tischen über Weinbau und Topografie oder an historischen Häusern und Höfen über deren Geschichte, kantig-weiße Monolithe empfangen die Besucher an den Ortseingängen.

Beim Wettbewerb für ein neues öffentliches Seebad konnte Angonese die Gemeinde für eine international besetzte Jury und ein offenes Verfahren überzeugen. Selbst als das ursprünglich beabsichtigte Hallenbad einer Volksbefragung zum Opfer fiel, blieb der Bürgermeister den Architekten von The next ENTERprise treu und beauftragte sie mit einem Freibad. Es folgte der eingeladene Wettbewerb für das Winecenter, eine Art Drive-in-Weinhandlung der größten Winzergenossenschaft Kalterns an der Umgehungsstrasse des Ortes, den ebenfalls ein junges Wiener Büro gewann: feld72.

Im Dorfkern baute Walter Angonese zusammen mit dem Künstler Manfred Alois Mayr für einen Privatkunden die „Bar zum lustigen Krokodil“ um. Für die Einrichtung des offiziellen Anlaufpunktes von „wein.kaltern“ brachte er den Wiener Altmeister Hermann Czech ins Spiel.

Was das „Architekturwunder von Kaltern“ so bemerkenswert macht, ist seine Vielstimmigkeit. Hier wurde kein Versuch unternommen, ein schlüssiges Architekturkonzept im Sinne eines Branding zu entwickeln und die Haltungen der Architekten könnten nicht unterschiedlicher sein. Manche der Projekte sind auf Initiative der Gemeinde oder von „wein.kaltern“ entstanden, andere wurden von den lokalen Wirtschaftsbetrieben in Auftrag gegeben. Im kleinen Ort beginnt man zu erkennen, dass auch Architektur ein Wirtschaftsfaktor sein kann. Zu den fünf hier präsentierten Projekten werden deswegen in absehbarer Zeit noch weitere hinzukommen.


[ LINK Bauwelt ]